Unfall Ulmen – drei Museumsbahner verurteilt

Am 5. 11. 2012 verkündete das Amtsgericht Cochem sein Urteil. ...

in der Strafsache zu dem Unfall im Bahnhof Ulmen vom 3. 4. 2010, bei dem ein 17jähriger Museumsbahner durch einen einfahrenden Zug mit Lok Hannover 7512 der Museums-Eisenbahn Minden so schwer verletzt wurde, dass er im Krankenhaus verstarb (s. DME 2/10, S. 36 – 37). Im Rahmen des vom VDMT, dem SPNV-Aufgabenträger und mehreren Bahnen organisierten „Dampf-Spektakels“ war neben anderen Orten und Bahnen auch die von der Vul­kan-Eifel-Bahn Betriebsgesellschaft mbH betriebene Eifelquerbahn Kaiseresch – Gerolstein mit dichtem Dampf- und Dieselzugangebot ein attraktives Ziel für viele Besucher des Festes zum 175jährigen Eisenbahnjubiläum. Auch der dortige Wende- und Kreuzungsbahnhof Ulmen hatte viele Menschen zum Mitfahren, Fotografieren und Zuschauen angezogen. Für das Event hatten sich viele Museumsbahner ehrenamtlich engagiert, und nun ist einer tot und sind drei verurteilt. Welche Lehren sind zu ziehen?

 

Der ermittelte Sachverhalt

In der öffentlichen Sitzung wurden die Angeklagten und einige Zeugen vernommen und erstatten zwei Sachverständige ihre Gutachten. Die Beweisaufnahme bestätigte die bisherigen Gerüchte: Auf der Zugfahrt von Gerolstein nach Ulmen (Soll-Ank. 12.48 Uhr) war an Lok 52 8134 der Betzdorfer Eisenbahnfreunde eine Undichtigkeit aufgetreten, so dass das Personal die gut einstündige Wendezeit in Ulmen für eine Reparatur nutzen wollte. Da sich die für 14 Uhr angesetzte Rückfahrt nach Gerolstein durch die verspätete Abfahrt des Gegenzuges in Daun und voraussichtlich verspäteter Ankunft in Ulmen (Soll-Ank. 13.52 Uhr) herausziehen würde, wollte das Personal noch eine Dichtigkeitsprobe vornehmen, bei der der Lokführer auf der Lok war und der Heizer sowie der Heizer-Auszubildende neben der Lok zwi­schen den Gleisen 2 und 3 standen. Da Dampf ausströmte und es sehr laut war, waren die beiden ins Profil des Gleises 2 geraten.

Der Lokführer des Gegenzuges hatte auf der 13,3 km langen Strecke von Daun nach Ulmen von den  mit drei Halten fahrplanmäßig 26 Minuten Fahrzeit einiges herausholen können, so dass er um 14 Uhr den Ulmener Bahnhof erreichte. Er sah die beiden Eisenbahner am Einfahrgleis 2 stehen und gab Warnpfiffe. Als er sah, dass die beiden nicht reagierten, gab er ab Weiche 2 ein Dauersignal mit der Dampfpfeife ab. Die Lok streif­te den Heizer und erfasste den Heizer-Auszubil­den­den.

Der von der Staatsanwaltschaft bestellte Sachverständige berichtete, dass der einfahrende Zug ab Weiche 2 (142 m von den beiden Männern entfernt) gemäß SbV auf 30 km/h hätte abbremsen müssen, jedoch mit 40 km/h weiter gefahren sei. 5 m vor der Unfallstelle sei eine Schnellbremsung eingeleitet und gesandet worden.

Zeugen berichteten vom Fehlen von Sicherungsmaßnahmen im Bahnhof Ulmen und von gegenseitigem Warnen unter Besuchern vor Fahrzeug­- bewegungen. Sie zeigten sich verwundert, dass sich jeder im Gleisbereich bewegen konnte.

 

Wertung durch den Richter

Amtsrichter Wilfried Johann folgte den Aussagen der Angeklagten, der Zeugen und dem von der Staatsanwaltschaft bestellten Gutachter. Das Gutachten des zweiten Sachverständigen überzeugte ihn dagegen nicht, da es ihm zu sehr auf Entlastung des Lokführers des einfahrenden Zuges bemüht schien. Er verurteilte Lokführer und Heizer der 52 8134 zu einer Geldstrafe, weil sie es zugelassen hatten, dass sich der ihnen anvertraute Heizer-Auszubildende ohne Sicherungsmaßnahmen im Gleisbereich aufhielt. Den Lokführer des einfahrenden Zuges verurteilte er zu einer höheren Geld­strafe, weil er bei rechtzeitiger Bremsung den Unfall hätte vermeiden können. Er wäre da­mit „vorbestraft“.

Dabei zeigte sich der Richter wohlwollend und  „sprach von einem tragischen Augen­blicks­ver­sa­gen: ,Das kann je­dem passieren, häufig auch im Straßenverkehr.´“ so die Rhein-Zeitung und weiter: „Amtsrichter Johann betonte die besondere Tragik des Unfalls: Ein 17-Jähriger musste sterben, weil er alles über Dampfloks lernen wollte. Zurück blieben die leidenden Eltern und drei unbescholtene Männer, die die Folgen für ihre falschen Augenblicksentscheidungen tragen müss­- ten: ,Dabei wollten sie mit ihrem schönen Hobby et­was Gutes tun, nämlich die Leidenschaft für die historische Eisenbahn weitergeben.´“ Und schließlich wertete der Richter auch die nicht hinreichenden Sicherungsmaßnahmen im Bahnhof Ulmen zugunsten der Angeklagten. Seines Erachtens trifft auch die Verantwortlichen für die Durch­­führung des Spektakels ein nicht unerhebli­ches Verschulden.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Berufung ist eingelegt. Eine kleine Strafkammer des Landge­richtes wird das Urteil in rechtlicher und tat­­sächlicher Hinsicht überprüfen, so dass ggf. sich einiges als haltlos erweisen oder weitere Sachverhalte öffentlich werden. Vielleicht fällt auch die richterliche Bewertung anders aus. Hoffen wir für den betroffenen Museumsbahner das Beste!

 

Schlussfolgerungen

  • Großveranstaltungen erfordern besondere Sorg­falt bei der Konzeption der betrieblichen Regelungen und Einweisung des beteiligten Stations- und Fahrpersonals.
  • Historisches Material kann sich störanfälliger erweisen, so dass der Fahrplan einige Reserven enthalten soll.
  • Zu berücksichtigen sind auch Regelungen für Abweichungen vom regulären Museumsbahn-Betrieb, z. B. für rasche Gleissperrungen, Vorsichtsbefehle o. ä.
  • Großveranstaltungen sollen erfahrenem und fachlich souverän agierendem Betriebspersonal vorbehalten bleiben. Bei betrieblichen Abweichungen kann die Zeit zur Betreuung von Auszubildenden oder Aushilfen fehlen.
  • Bei Dampf-Events ist weniger mit menschlicher Vernunft zu rechnen als im SPNV. Das Gedränge ist nicht mit dem auf einem S-Bahnsteig zu vergleichen. Es empfehlen sich besondere örtliche und betriebliche Vorkehrungen, z. B. bei der Konzeption von betrieblichen Rückfallebenen bei sich abzeichnenden Problemlagen.
  • Die Verantwortung für sicherheitsbewusstes Arbeiten gilt in der Freizeit und im Ehrenamt uneingeschränkt, man kann auch für ein Augenblicksversagen im Hobby bestraft werden.

Es sind z. T. dieselben Lehren, die auch aus dem Zugzusammenstoß auf der Lößnitzgrundbahn am 12. 9. 2009 für die Planung von größeren Dampf-Spektakeln etc. zu ziehen waren (s. DME 4/09, S. 8 – 9 und 1/11 S. 8).

Die Museumsbahnen in Deutschland sind sicher; sie werden von fähigen Eisenbahnbetriebsleitern geführt und von Aufsichtsbehörden überwacht. Sie sind in unserer Gesellschaft hinsichtlich Verletzungen und Unfällen völlig unauffällig, erst recht im Vergleich zum Straßenverkehr. Trotzdem seien Informationen über die wenigen Unfälle offen dargelegt – so traurig jeder Fall auch ist und bei aller Anteilnahme – und Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen zur Diskussion gestellt. Denn das kann helfen, damit Museums­bahnen weiterhin als sichere und schöne Freizeiteinrichtungen wahrgenommen werden.

 

Quellen:
www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Ulmen-17-Jaehri ger-von-Dampflok-getoetet-jetzt-stehen-Eisenbahnfreunde-vor-Gericht-_arid,506450.html
www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Urteil-Eisenbah ner-sind-schuld-am-Tod-eines-17-Jaehrigen-_arid,508326. html
www.wochenspiegellive.de/mosel/staedte-gemeinden/cochem/cochem/nachrichtendetails/obj/2012/11/05/tragisches-unglueck-beim-dampfspektakel-angeklagte-schuldig-gesprochen/
www.dampfspektakel.info/index.php?id=36