„Eisenbahn-Spielen“ – ein Lernforschungsprojekt an der Uni Göttigen

Um´s „Eisenbahn-Spielen“ geht es Museumsbahnern natürlich gar nicht! Zumindest sind die meisten Museumsbahner in Vorständen und Be­triebsleitungen fest davon überzeugt, etwas ganz Wichtiges zu tun. Ihr ganzes Augenmerk gilt den technisch-betrieblichen Problemen und Fragen, sogar der Rückblick auf die 20jährige Geschichte des Museumsbahnen-Verbandes VDMT im EK 7/13 geht ausschließlich auf diese Themen ein. Bei fast allen Dampf- und Touristikbahnen werden Fragen nach dem Zweck der Bahnen für unsere Gesellschaft mit deren hohen Freizeitwert und der Wertschöpfung für die örtliche Hotellerie und Gastronomie abschließend beantwortet und daraus die bei einigen Bahnen hohe Förderung durch Steuermittel begründet. Dass das Engagement für eine Dampfbahn auch den eigenen Spieltrieb befriedigt, geben nur Wenige zu.

 

 

Auch die Gründung des Trägervereins der späteren „Ersten Museums-Eisenbahn Deutschlands“ hatte anderes im Blick: Es ging um das Sammeln und Bewahren eines bereits 1964 absehbar im Untergang begriffenen Transportsystems in Form eines Museums. An Fahrspaß für die Vereinsmitglieder war damals nicht zu denken, vielmehr schien die Unterordnung in ein professionelles Verkehrsunternehmen unumgänglich. Über den Wandel und die Entwicklung wird ständig berichtet, auch dass dazu der Kontakt zu Historikern und Kulturwissenschaftlern gesucht und gepflegt wird, ist DME-Lesern nichts neues.

Ein anderes Feld der Geisteswissenschaften ist die Volkskunde, die an der Georg-August-Universität Göttingen im Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie gelehrt wird. Wohl aufgrund eigener Sympathie für die Eisenbahnen organisierte Dr. Peter Hörz das Projekt „Eisenbahn-Spielen! Populäre Aneignungen und Inszenierungen des Schienenverkehrs in großen und kleinen Maßstäben“, bei dem sich Studierende in einem Lernforschungsprojekt für ihr Ma­ster-Studium mit ausgewählten Themenstellungen mit Performanzen der Eisenbahn in historischer wie gegenwartsbezogener Perspektive auseinandergesetzt haben.

Im Abschlusskolloquium am 20./21. 6. 2013 stellten acht junge Frauen (wohl an die 25 Jahre alt) ihre Projektarbeiten einem Auditorium vor aus Hochschullehrerinnen und Mitstudentinnen, unter die sich einige freilaufende Exemplare des Forschungsgegenstandes gesellt hat­ten: Männer im Altersdurchschnitt jenseits der 50.

Projektleiter Dr. Peter Hörz spannte bei seiner Einleitung den Bogen des „Eisenbahn-Spielens“ weit auf mit vier Beispielen:

  • Die Gemeinde Lubmin – obwohl finanziell nicht gerade bevorzugt – hat das heruntergekommene überlieferte Bahnhofsgebäude Lubmin Seebad der Kleinbahn Greifs­wald – Wol­gast baulich saniert, einer Nutzung erschlossen und mit zwei aus Russland zurückgeholten Kleinbahn-Fahrzeugen zu einem En- semble ergänzt, wobei letztere zuvor aufwendig aufgearbeitet werden mussten.
  • Der Chauffeur des Bundeskanzlers Kiesinger pflegt die Illusion von einer modernen Regio-Tram von Reutlingen aus in diverse Umlandorte literarisch und künstlerisch.
  • Ein grüner Ex-Politiker hat im Keller die Welt im Kleinen und für sich bereits in Ordnung gebracht, indem im Maßstab 1 : 87 Orte mit Fachwerkbauten und Bahnanlagen mit Bauten der Kaiserzeit durch diverse Regio-Shuttle im Taktverkehr erschlossen werden.
  • Bei den HSB wurde besonders engagiertes Lokpersonal entdeckt, das sich von der Dampfloktechnik begeistern lässt. Dass sich solche Dampfbahnen im 21. Jahrhundert eigentlich überlebt haben, zeigt auch der Begrif „toy-train“ für die ähnliche Darjeeling-Bahn.

Aus der Sicht des Volkskundlers spielen alle diese Männer Eisenbahn. Und der Spielbegriff ist noch weiter zu fassen: Es geht dabei nicht nur im engeren Sinne um Spielen (wie Kinder es tun), sondern außerdem um das Spiel im Sinne von Theater, das bei Inszenierungen und Vorführungen auch in diversen Museen wie im Kleinbahn-Museum Bruchhausen-Vilsen ausgeübt wird, wo sogar die Museumsbesucher (unfreiwillig) am Spiel „living history“ teilnehmen, indem sie anderen Museumsbesuchern gegenüber die Rolle der einstigen Kleinbahn-Fahrgäste spielen.

Mit der Weite des Spielbegriffs konnten die Studentinnen ihre Arbeiten ganz unterschiedlichen Ausprägungen des Eisenbahn-Spielens widmen, da­runter das kindliche Spiel mit Holz- und Modellbahnen, das Modellbahnhobby der Erwachsenen mit den Ausprägungen der Sammel­leiden- schaft und des Anlagenbaus, das Eisenbahnfreunde-Vereinsleben sowie der Aufbau einer Feldbahnanlage im Maßstab 1 : 1. Die acht Projektvorstellungen wurden eingerahmt von zwei Grundsatzbetrachtungen durch zwei der Eisenbahn zuge­neigte Profes­soren (s. unten).

Neben dem Blick auf Modellbahner in deren unterschiedlichen Ausprägungen ging es auch um Leute, die liebevoll der Gartetalbahn nachhängen, um Museumsbahner am einem Beispiel in Serbien und um Aktive, die in Friedland eine Feldbahnanlage aufbauen und betreiben.

Für den Zuhörer wenig überraschend war, dass die Eisenbahnfreundewelt als eine Männerwelt beschrieben wird. Überraschender war hingegen, dass diese „homosoziale Gemeinschaft“ in ihren Strukturen, ihren Kommunikationsweisen und Sozialverhalten als geschlossen und selbsterhaltend identifiziert wird. Denn viele Modell- und Museumsbahner bedauern das Unvermögen, das Hobby auch für Mädchen und Frauen interessant zu machen, und würden den Grund dafür niemals bei sich selbst und ihrem Verhalten suchen.

Als Museumsvorführer in der Rolle des „historischen“ Triebwagenführers ist nämlich nicht zu übersehen, dass Jungen und Mädchen zwischen 3 und 13 Jahre in ihrer Begeisterung für die Mitfahrt direkt beim Lokführer, in ihren Fragen und ihren leuchtenden Augen keine Unterschiede zeigen. Offenbar erst mit der Pubertät scheinen die Wege so auseinander zu gehen, dass später nahezu ausschließlich Jungs bei der Museumsbahn mitmachen wollen und Museumsbahnerinnen ganz seltene Ausnahmen bleiben.

Mit dieser Erkenntnis und einem Kooperationsangebot an die Geistes- und Sozialwissenschaftler öffnet sich ein neues Feld für Forschungs- und Projektarbeiten: Was können Modell- und Museumsbahner beeinflussen und tun, um ihr Hobby auch für Mädchen und Frauen interessant zu machen? Was kann die Gesellschaft tun, damit sich Mädchen und Frauen für die Eisenbahn interessieren? Die Fragen erscheinen relevanter, als der Blick auf die Museumsbahnen erwarten lässt, denn im professionellen Eisenbahnbereich ist die Situation noch weitaus ausgeprägter als im Hobby: Bei EBl-Symposien ist es schon ein Wunder, wenn ein Vortragender vom gewohnten „Meine Herren“ abweichen muss, weil tatsächlich mal eine Frau im Auditorium sitzt.

 

Peter F. N. Hörz (Hg.)

Eisenbahn Spielen!

232 S., 17 x 24 cm, broschiert, Universitätsverlag Göttingen, 2016, ISBN 3-86395-214, 26,50 € (inkl. Versand)

Das in der Reihe „Göttinger Studien zur Kulturanthropologie / Europäischen Ethnologie“ erschienene Buch gibt die drei Referate der Hochschullehrer sowie sechs der acht Referate von Studentinnen wieder, die jene im Abschlusskolloquium am 20./21. 6. 2013 in der Universität Göttingen gehalten haben. Die Studentinnen hatten im Rahmen ihrer Master-Arbeiten die Leidenschaft untersucht, die Menschen in Deutschland für die Eisenbahn entwickeln, obwohl wir eigentlich in einem „Autoland“ leben. So zeigen ihre sechs Beiträge in diesem Buch das wissenschaftliche Arbeiten der Vokskundlerinnen mit jeweils der Herleitung einer Fragestellung, dem Blick auf den publizierten Stand, die eigene Untersuchung sowie die Schlussfolgerungen. Inhaltlich geht es u. a. um Leidenschaft für eine längst weitgehend verschwundene Kleinbahn (die Gartetalbahn) oder für den Aufbau von Ersatz-Idyllen als Modellbahn-Anlagen oder im Maßstab 1 : 1 mit einer eigenen Feldbahn (www.eichenberger-waldbahn.de). Besonders beeindruckend ist das Lesen des Beitrages über die hegemoniale Männlichkeit im Eisenbahnverein, in dem die Studentin das Verhalten der Eisenbahnfreunde im Verein und bei der Mitfahrt mit der HSB beschreibt, als homosoziale Gemeinschaft und zu Frauen. Das Buch ist kein Eisenbahnbuch, doch ist es neben seinem Wert für die Volkskunde auch für Museums- und Modellbahner eine wertvolle Bereicherung, wenn jene über ihr Tun nachzudenken bereit sind oder Anregungen für ihr Außenbild bei Museumsbahn-Besuchern suchen. Das Lesen des gedruckten Buches macht Spaß, das obendrein als pdf-Datei kostenlos abholba: hier klicken

 

Die einzelenen Beiträge

Prof. Dr. Dr. Bernd Rieken, Sigmund-Freud-Universität Wien:
Homo faber trifft Homo ludens

Aus der Perspektive des Homo faber (der tätige, arbeitende Mensch) wird der Blick auf die Entwicklung des Eisenbahnwesens gelenkt, um diese in einen kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext zu stellen. Homo ludens (der spielende Mensch) wird demgegenüber als Altemativentwurf zum Homo faber betrachtet, was am Beispiel der Museums- und Modelleisenbahnen skizziert wird.

 

Prof. Dr. Manfred Seifert, Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden:
Wellenreiter im Alternativformat. Zu Strukturen und Perspektiven der aktuellen Eisenbahnbegeisterung

Als Ikone des neuen technischen Zeitalters fand die Eisenbahn ab dem Ende des 19. Jahrhunderts auch schnell Eingang in die Freizeit- und Hobbywelten: als Kinderspielzeug, Sammlerobjekt und auch als retrospektiv orientiertes Erlebnis. Die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anwachsende Eisenbahnbegeisterung in den Formen der Modellbahn sowie der Schmalspur- und Dampfzugattraktion soll in ihrer Charakteristik wie auf ihre gesellschaftlich-kulturellen Dimension befragt werden. Die Perspektiven werden dabei auf die Eigensinnigkeit des Aktionsfeldes „Eisenbahnbegeisterung“ hinsichtlich seiner Lebensstilbezogenheit, seiner spieltheoretischen Momente und seiner Bedeutung für das Subjektmanagement in der Postmoderne gerichtet.

 

Charlotte Kalla:
Spur und Spiel. Die Eisenbahn als Spielzeug im 19. und 20. Jahrhundert

Zumindest unter Jungen gehörten Miniatureisenbahnen zu den beliebtesten Spielzeugen des 20. Jahrhunderts. Dem scheinbar unbegrenzten Spielspaß waren jedoch stets Grenzen gesetzt – durch die Beschaffenheit des Objekts, aber auch durch väterliche Aufsicht. Auf der Grundlage verschiedener theore­tischer Ansätze zur Sachkultur und zum Kinderspiel werden die Praktiken des Spielens mit Modelleisenbahnen und ihre Bedeutung für kindliche Lebenswelten zwischen ca. 1850 und 1939 aufgezeigt.

 

Elisabeth Müller:
Von der Enzyklopädie zum Einzelobjekt. Eisenbahnen museal vermittelt

Eisenbahnen gehören zu den am frühsten im Museum ausgestellten technischen Objekten. Modelle spielten in der Ausstellungspraxis immer eine wichtige Rolle. Ob es sich um die Demonstration technischer Entwicklungen in den frühen Ausstellungen oder um die Darstellung des Zusammenhangs von Technik- und Sozialgeschichte handelt: Modelle sind bei der Vermittlung von Wissen im Museum essentiell.

 

Anna Schäfer:
Die Kleinbahn im Kopf. Erinnerungen zwischen Göttingen und Duderstadt

Die Erforschung von Erinnerungskulturen ist kein neues Phänomen in der Kulturanthropologie. Allerdings soll es hier über individuelle und kollektive Erinnerungsdimensionen hinaus um Gedankenspiele der Akteure gehen. Die nur noch in Rudimenten und Dokumenten erhaltene schmalspurige Gartetalbahn Göttingen – Duderstadt diente dabei als Stimulus. Worin liegt die Motivation, die Gartetalbahn als Interessengebiet oder Hobby zu wählen? Warum werden alte Fahrkarten, Fotos und Filme gesammelt oder wird Sonntags die ehemalige Strecke mit dem Fahrrad abgefahren? Mittels teilnehmender Beobachtung und narrativen Interviews wurde sich diesen Fragen angenähert.

 

Svetlana Stojanovic:
Sarganska osmica. Erkundung einer Museumsbahn in Serbien

Sarganska osmica ist der Rest einer schmalspurigen Gebirgsbahn in Serbien, von der nur noch ein kurzer Streckenabschnitt mit aufwendig trassierten Kehrschleifen (Sarganska Osmica = Sarganer Achter) erhalten ist . Im Rahmen meiner Projektarbeit habe ich eine Filmpräsentation erstellt, welche versucht, die Reise mit der Museumsbahn als physischen und psychischen Modus der Bewegung zu erfassen. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich der Film mit Nostalgie, der Angst vor dem Vergessen und der Reise in die Vergangenheit als Möglichkeit, Erinnerungen wiederzubeleben.

 

Laura Stonies:
„Unsere Frauen kümmern sich dann um das leibliche Wohl …“ – Frauen und Männer im Eisenbahnverein

Das Hobby Modelleisenbahn wird fast ausschließlich von Männern betrieben. Der Eisenbahnverein als homosoziale Gemeinschaft, in dem die Rollen und Aufgaben klar verteilt sind, soll hier in den Blick genommen werden. Welche Strukturen lassen sich dort erkennen? Was macht den Eisenbahnverein für die Mitglieder interessant? Und welche Rolle wird den Frauen dabei zugeordnet?

 

Margaux Erdmann:
„… von der Platte in die Welt …“ Wenn Modelleisenbahn zur Modell-Eisenbahn wird – männliche Idyllvorstellungen im Maßstab 1 : 1

Im Bezug auf theoretische Grundlagen der Technikkultur-, Historizitäts- und Männlichkeitsforschung wird untersucht, wie sich eine Gemeinschaft von Eisenbahnfreunden mit einer neu aufgebauten Feldbahn eine ungleichzeitige Idyllwelt als Gegenmodell zur gegenwärtigen digitalisierten Welt schafft.

 

Christine Stelzer:
Berufsbastler im Wunderland. Zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit bei „Kreativ-Angestellten“ der größten Modelleisenbahn der Welt

Das Leben teilt sich in Arbeit und Freizeit, doch was ist wenn die Grenzen verschwimmen und nicht mehr eindeutig unterschieden werden kann? Im Vortrag werden die arbeitssoziologischen Theorien der Entfesselung der Arbeit und des Arbeitskraftuntemehmers vorgestellt und mit dem Beispiel der Berufsbastler des Hamburger Miniatur Wunderlandes illustriert.

 

Johanna Marie Elle:
Interkulturelle Inszenierungen auf der Presspanplatte – Modelleisenbahnbastelei als Integrationsprojekt

In dieser Forschung werden die interkulturellen Inszenierungen untersucht, die mehrere (Amateur-)Modellbauer innerhalb eines Integrationsprojekts gestaltet haben, mit dem Fokus auf den sehr unterschiedlichen Intentionen und Herangehensweisen an die Modellierung der Modelleisenbahnlandschaften. Die unterschiedlichen Motivationen und Ideen: Vom maßstabgetreuen Bauen, über die Vermittlung und Bewahrung individueller und kollektiver Geschichten bis zur plastischen Darstellung humanitärer Missstände, sollen hier die Vielfalt performativer Gestaltungsdimensionen in H0 aufzeigen.