Besuch bei der LiLo, Linz 1987

Sicher empfehlen auch heute technische Universitäten ihren im Hauptstudium befindlichen Studenten die Teilnahme an Exkursionen, zu­mindest war es in den 1980er Jahren in Stuttgart so.  Sowohl das Fachgebiet Schienenfahrzeugtechnik im Institut für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrwesen sowie das Institut für Eisenbahn und Verkehrswesen boten mehrtägige Exkursionen an. Dabei nutzte man den Kontakt zur Bundesbahndirektion Stuttgart, um attraktive Ziele der DB  an­zusteuern wie Ausbesserungswerke oder Baustellen der Neubaustrecke Hannover – Würzburg und um Studenten auf dem Führerstand der Loks mitfahren zu lassen. Es wurden aber auch andere Ziele angesteuert, z. B. die Wuppertaler Schwebebahn, VPS, BuH, Schienenfahrzeug- und Komponenten-Hersteller oder der Spurbus in Essen.

Im Juni 1987 ging es für eine Woche nach Österreich zum Simmering-Graz-Paucker-Werk in Graz und zur Graz-Köflacher Eisenbahn. Tags drauf besichtigten wir vormittags die Hauptwerkstätte Linz der ÖBB. Für den Nachmittag gab es keinen festen Programmpunkt, sondern eine nette Einladung, uns noch etwas bei der ÖBB anzuschauen. Aber ich wollte den Nachmittag lieber zu einem Besuch der Linzer Lokalbahn nutzen. Zwar hatte ich mich darauf nicht vorbereitet und somit auch keine Ahnung von dem Betrieb, doch zog ich jedenfalls eine nichtstaatliche Bahn vor. Meine eher bundesbahnlastigen Kommilitonen zeigten für ein derartiges Ansinnen wenig Verständnis, so zog ich alleine los. Von den einstmals vielen elektrischen Kleinbahnen in Deutschland war ja schon das Meiste stillgelegt, und ich kannte mit der RHB und der OEG nur die beiden entsprechenden Betriebe im Rhein-Neckar-Raum.

Schon die Atmosphäre des Bahnhofs Linz Lokalbahn (LiLo) begeisterte mich, und bei dem dichten Fahrplan sprach nichts gegen eine Bereisung der Bahn mit Unterbrechungen. Die Verkehrslast im SPNV lag bei den Westwaggon-Triebwagen (Bauj. 1953/54) von der Köln-Frechen-Ben­zel­rat­her Eisenbahn. So war die Mitfahrt weniger spektakulär, aber im Bahnhof Eferding gab es nicht nur einen sehr lebendigen Kreuzungsbahnhof mit der ÖBB-Strecke (Wels –) Haiding – Aschach und Uerdinger Schienenbussen zu besichtigen, sondern im Werkstattbereich auch den eh. KBE-Triebwagen ET 60 und mehrere betagte E-Loks im Rangiergeschäft.

Weiter ging es mit dem Zug Richtung Peuerbach, wo unser Zug in Niederspaching mit dem Gegenzug und dem auf demselben Gleis stehenden Anschluss-Triebwagen nach Neumarkt-Kallham kreuzte. Beim Anblick des betagten ET 22.104 ging mein Herz auf, und ich stieg spontan um.

Kleinbahnidylle in Niederspaching mit ET 22 104 (heute in Ferlach, Kärnten), 23. 6. 1987, Foto: Wolfram Bäumer

 

Drinnen saß eine junge Frau als einziger Fahrgast. Der ebenfalls junge und sympatisch blickende Lokführer schaute auf uns, verschwand bei offener Tür zum Führerstand nach vorne und fuhr los. Das hatte mich ermutigt, ihn um Erlaubnis zur Mitfahrt auf dem Führerstand zu fragen. Offenbar freute er sich über die Abwechslung, und wir kamen ins Gespräch. Zwar kannte er die WEG in Württemberg nicht, doch er akzeptierte mich als Kollegen und bot mir das Weiterfahren an. Klar, das Angebot nahm ich sofort an, und das Bedienen des Fahrschalters und der Druckluftbremse machten auch viel Spaß. Die Übersichtlichkeit des Fahrzeuges und des Betriebes waren leicht zu beherrschen, so dass der Lokführer es bald vorzog, hinten ein Gespräch mit der jun­gen Frau aufzunehmen. Erst kurz vor dem Stellwerk von Neumarkt-Kallham löste er mich wieder ab, damit keine Kritik aufkomme.

Die Rückfahrt unterbrach ich für eine Wanderung entlang der Strecke, um fahrende Züge zu fotografieren. Das hat sich gelohnt, konnte ich doch einen 4-Wagen-Zug Linz – Eferding und einen Güterzug Richtung Linz auf den Rollfilm bannen. Leider weiß ich nicht mehr, von wo nach wo ich damals gewandert bin, daher die recht unscharfe Lokalisierung der beiden Fotos.

4-Wagen-Zug gezogen von ET 22 107 bei Dörnbach, 23. 6. 1987, Foto: Wolfram Bäumer

 

Am nächsten Morgen nutzte ich meine präsenile Bettflucht, noch einmal den Lokalbahnhof zu besuchen und die rege Betriebsamkeit zu verfolgen. Leider regnete es, und doch konnte ich noch einmal ein Dutzend Fotos von heute und z. T. auch damals schon historischen Fahrzeugen zu machen.

Rangierarbeiten im Bahnhof Linz-Lokalbahn, 24. 6. 1987, Foto: Wolfram Bäumer

 

Von den Exkursionen zurück entwickelte ich die s/w-Rollfilme in meiner Studentenbude, für die Abzüge durfte ich – nach Absprache mit HElmut Moser, dem Bahn­hofsvorsteher Stuttgart-Vaihingen – das dortige BSW-Fotolabor nutzen. Dort habe ich damals viele Nachmittage verbracht und konnte beim Warten auf die Bildentwicklung der Abzüge meine Erlebnisse noch lange im Kopf reflektieren. Heute weiß ich um die Vergeblichkeit dieser Arbeit, denn für den Abdruck ist das heute mögliche Einscannen der Negative und das viel leichtere „Abwedeln“ und „Nachbelichten“ am Rech­ner ein Kinderspiel geworden.