Das erste technikhistorische Freilicht-Verkehrsmuseum Deutschlands entstand vor 50 Jahren in Niedersachsen

Das Jahr 1964 war nicht nur das geburtenreichste Jahr in Deutschland, sondern auch das Jahr, in dem die Idee begonnen wurde umzusetzen für eine in Deutschland neue Museumsart: Vor 50 Jahren gründeten vier Kleinbahnfreunde den Deutschen Kleinbahn-Verein e. V. (DKV) als künftigen Museumsträger, um eine typische der damals in Niedersachsen noch vorhandenen Kleinbahnen in situ und voll im Betrieb vor der Stillegung zu retten und als technikhistorisches Freilichtmuseum lebendig zu bewahren und vorzuführen.

Nachdem der Wunsch, ein Teilstück der Steinhuder Meer-Bahn (Wunstorf – Bad Rehburg) dafür zu nutzen, am Verwertungsinteresse der Klosterkammer an den Grundstücken gescheitert war, zeichnete sich eine Realisierungschance für so ein Kleinbahn-Museum auf der Zweigstrecke Bruchhausen-Vilsen – Asendorf ab. Mit erheblicher eisenbahnbetrieblicher Unterstützung des Bahnbetreibers Verkehrsbetriebe Grafschaft Hoya GmbH (VGH) konnte dort am 2. 7. 1966 das erste technikhistorische Freilicht-Verkehrsmuseum eröffnet werden, ein Spezialmuseum zum Thema eines bereits damals überholten Transportsystems.

Kein Wunder, dass der Trägerverein des Kleinbahn-Museums Bruchhausen-Vilsen, der heutige DEV, stolz auf sein 50jähriges Jubiläum blickt. Doch was war damals das Besondere daran und was davon ist heute noch wichtig – gerade auch für die weitere Zukunft der Museumsbahnen-Landschaft? Es fallen sechs Punkte ins Auge:

  1. Weitblick: Die Vereinsgründer waren sich 1964 darüber im Klaren, dass sie aktuell Zeitzeugen des in der Ablösung begriffenen Transportsystems Kleinbahn waren und dass dessen Musealisierung nur bei sofortigem Beginn optimale Voraussetzungen finden würde. Denn wenn erst einmal Spuren der Verwitterung und Verwahrlosung die historische Substanz geschädigt haben oder die historischen Objekte verschrottet sind, würde es zu spät sein.
  2. Konzeption: Den Vereinsgründern schwebte das Lebendighalten eines entbehrlich werdenden Transportsystems in einem Museum vor mit der Methodik der Ganzheitlichkeit der Freilichtmuseen. Es geht um Zugfahrten mit historischen Fahrzeugen in historischer Betriebsweise auf einer historischen Kleinbahnstrecke mit all ihren Bahnhöfen und anderen Anlagen – um eine ganzheitliche und lebendige Darstellung einer technikhistorischen Ausprägung also. Das Konzept war damals neu, denn vor 50 Jahren gab es die heutigen Industriemuseen noch nicht und viel weniger Freilichtmuseen als heute. Es war also der DKV, der erstmals in Deutschland ein technikhistorisches Freilicht-Verkehrsmuseum mit all den Ausprägungen aufbauen wollte, die heute gang und gäbe sind. Vor 50 Jahren standen die DKV-Amateure mit ihrer Idee allein, und Museumsfachleute nahmen mit Ausnahme von Prof. Walter Hävernick, dem damaligen Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte, kaum Kenntnis von dem neuen Konzept.
  3. Jugendlichkeit: Der DKV war nicht nur ein frischgegründeter Verein, sondern auch durch seine Mitglieder im Alter von Teenagern und Twens ein junger Verein. Drei Gründer waren Anfang 20, einer gerade 30 Jahre alt. Das Alter zwischen 20 und 30 Jahren ist dasjenige, in dem Menschen gute Ideen entwickeln und hartnäckig verfolgen. Die Kombination aus Wissen und Reife zusammen mit Dynamik ist bei Twens besonders ausgeprägt und macht sie besonders geeignet, große Dinge zu beginnen (Familie, Eigenheim, berufliche Karriere oder Museumsgründung).
  4. Mut: Unbelastet von Bedenkenträgern, Besserwissern und Wichtigtuern setzten die DKV-Aktiven das Vorhaben mutig um.
  5. Kommunikation: Den wenigen DKV-Aktiven gelang es, mit Briefpost und Telefon für das Kleinbahn-Museum in Bruchhausen-Vilsen zu werben, so dass neben Berufstätigen aus allen Landesteilen inklusive Berlin sogar Schüler im Rheinland bis zu Studenten in München in den Trägerverein eintraten. Seit 1965 berichten die Verantwortlichen den Mitgliedern schriftlich über das Erreichte und das Kommende – zunächst als Rundschreiben, seit 1968 als gedruckte Zeitschrift, die seit mehr als 40 Jahren 4mal jährlich erscheint und ein weit über den Verein hinaus gelesenes Museumsperiodikum geworden ist.
  6. Erfolg: Schon gut 1½ Jahre nach der Gründung des Museumsträgers konnte das Museum eröffnet werden: Durch Aufnahme des Museums-Zugbetriebes am 2. 7. 1966.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Erfolg nicht etwa in der Gründung eines Museumsbahn-Betriebes lag, wie der lange Zeit stolz verkündete Name „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ irrtümlich nahelegt. Vielmehr ist den Aktiven der Erfolg beizumessen, dass sie erstmals in Deutschland einen Kleinbahn-Betrieb lebendig hielten und fremden Menschen vermittelten, obwohl alle wussten, dass diese Technik überholt oder gar entbehrlich war. Damit waren die fremden Menschen nicht etwa Eisenbahn-Fahrgäste (deren originäres Streben ist die Ortsveränderung) oder Eisenbahn-Touristen (deren Streben ist ein flüchtiges Erlebnis), sondern Museumsbesucher. Der Erfolg der DKV-Gründungsväter und des DEV liegt also darin, erstmals in Deutschland:

  • ein veraltetes Techniksystem komplett zu bewahren nur für den einen Zweck, es modernen Menschen museal zu vermitteln,
  • dafür das Großobjekt von 1899, die 8 km lange Kleinbahnstrecke Bruchhausen-Vilsen – Asendorf,  Fahrzeuge, Ausrüstungsgegenstände und Archivalien zu sammeln und zu konservieren,
  • Strecke, Fahrzeuge und Ausrüstung in historischer Betriebsweise ins „Leben“ zu setzen und dabei die Museumsbesucher in der Rolle als „Reisende“ in die Ausstellung zu integrieren,
  • Aspekte der Kleinbahngeschichte zu erforschen und im Museumsperiodikum sowie in temporären Ausstellungen zu vermitteln.

Weitere Erfolge schlossen sich an wie die längenmäßige Ausweitung des Fahrbetriebes bis Asendorf, der Bau der Werkstatthalle sowie 15 Jahre später der großen Depothalle in Bruchhausen-Vilsen, die Restaurierung des Bahnhofs Heiligenberg als Landbahnhof, die Rückintegration des Bahnhofsgebäudes Bruchhausen-Vilsen in die Ausstellung und viele Fahrzeugbeschaffungen. In unserer schnellebigen Zeit ist als besonderer Erfolg zu werten, dass die vor 50 Jahren ins Auge gefassten Ziele und Methoden bis heute aktuell geblieben sind.

Nach 50 Jahren Aufbauleistung steht heute das Kleinbahn-Museum Bruchhausen-Vilsen gut da: Der Trägerverein hat 1.100 Mitglieder, von denen mehr als 10 % ehrenamtlich aktiv sind, es gibt keine tiefen Zerwürfnisse, der Trägerverein hat Vermögen, zusammen mit dem Flecken Bruchhausen-Vilsen ist eisenbahnrechtlich eine gute Konstellation umgesetzt, der Fahrplan wird Jahr für Jahr gefahren, mit 112 Fahrzeugen ist eine beachtenswerte Sammlung entstanden, 3/4 davon ist betriebstüchtig aufgearbeitet, die Strecke wird seit Jahrzehnten aus eigener Kraft betriebsfähig unterhalten und steht keinen privaten oder kommunalen Vorhaben im Wege.

Besonders hervorgehoben sei die hohe Bindung der DEV-Mitglieder zum Kleinbahn-Museum. Nahezu alle der Museumsbahn-Urgesteine sind noch heute Mitglied im DEV und z. T. sogar aktiv bzw. sind es bis zu ihrem Tod geblieben. Der DEV konnte bisher seine hohe Mitgliederzahl gerade deshalb halten, weil nur sehr wenige Mitglieder aus dem DEV austreten.

Es scheint also alles in bester Ordnung – aber ist das wirklich so? Welche Herausforderungen könnten sich auftun und welche Brisanz entfalten? Von außen zeichnen sich für die Museumsbahnen-Landschaft besorgniserregende Entwicklungen ab: Sinkende bzw. gesunkene Nachfrage, steigende Kosten und rechtliche Verkomplizierungen im Eisenbahnwesen, schrumpfender finanzieller Spielraum, steigendes Alter der Mitglieder- und Aktivenschaft, verändertes Freizeitverhalten der jungen Menschen und sinkendes Image der Eisenbahnen (Verspätungen, Zugausfälle, Schienenlärm, Stuttgart 21, Ronald Pofalla).

Zugleich ist innen hohes Beharrungsvermögen festzustellen: Statt jugendlicher Aufmüpfigkeit bestimmen ältere Männer das Geschehen. Aber wird das reichen, um den absehbaren Herausforderungen gerecht zu werden? Und wer hat Lust und das Potential, über die anstehenden Fragen und mögliche Lösungen nachzudenken?

Schon diese drei Fragen lassen wachsenden Entscheidungs- und Handlungsdruck erkennen, den DEV vorausschauend zu steuern wie ein Schiff, das nach langer ruhiger Fahrt mit Rückenwind die kabbelige See spürt und das dessen Kapitän und Mannschaft für eine aufziehende Regenfront seefest machen.
Doch wer hat Lust und das Potential, über diese Fra­gen und mögliche Lösungen nachzudenken? Wer mag agieren und gestalten, auch wenn das an­strengender sein mag als zu reagieren und zu verwalten? Wo sind unternehmerisch denkende Leute, die Lust haben, sich im DEV einzubringen? Wo sind die Twens, die sich mit ihren Ideen, Gestaltungswillen, Mut und Einsatzbereitschaft ans Ruder putschen, so wie wir das früher auch getan haben? Wo sind die Diskussionen um die Wege, Zwischenziele und nächsten Maßnahmen?
Der Appell richtet sich an alle DEV-Mitglieder und Freunde der Museums-Eisenbahn Bruchhausen-Vilsen – Asendorf nach Kräften mit­zudenken und mitzugestalten. Denn es sind durchweg fähige und gutartige Leute, die sich heute im DEV en­gagieren, aber wir können Un­terstützung gut gebrauchen. Und dieser Bedarf liegt nicht nur in Finanzspenden und handwerklichen Tätigkeiten, sondern auch im konzeptionellen Denken.
Uns alle eint das Ziel, unser Kleinbahn-Museum, seine Museums-Eisenbahn als dessen Dauerausstellung und den es tragenden DEV für die Herausforderungen zu rüsten, um auch in zehn, 25 und 50 Jahren eine wichtige und attraktive Kulturinstitution in Niedersachsen zu sein.