Museumsbahn / Denkmalschutz

– zur Zukunft der Denkmallok 99 651

Im Frühjahr 2016 gab es ein politisches Tauziehen um den künftigen Standort der langjährigen Denkmallok 99 651, bei dem der Denkmalschutz in den Konflikt geriet zwischen den Wünschen der oberen und unteren Denkmalschutzbehörden.

 

Entstehung von Denkmalloks

Nach dem Auslaufen des Dampfbetriebes bei der damaligen Deutschen Bundesbahn gab es in einer ganzen Reihe von Orten Menschen, die mit dem Aufstellen einer Denkmallok oder als Klettergerät auf einem Kinderspielplatz an diese vormals den Ort so prägenden Maschinen erinnern wollten. So kam es dazu, dass insbesondere in den 1970er Jahren nicht wenige große und kleine Dampflokomotiven von den Gleisen gehoben und auf Denkmalsockel auf dem Bahnhofsvorplatz oder sonst in Nähe von Bahnanlagen aufgestellt wurden. Der Aufwand schien damals beherrschbar, denn im Gegensatz zu den damaligen Pkw waren Dampflokomotiven alles andere als Schrottlauben.

Doch sind Dampflokomotiven nicht für die dauerhafte Abstellung im Freien konstruiert und leiden unter Wind und Wetter. Auch wenn die Korrosion zunächst unsichtbar im Inneren verläuft und selbst wenn die Lok hin und wieder äußerlich aufgefrischt wird, im Laufe der Zeit verrottet die tragende Substanz der Maschine und Spuren der Verwahrlosung werden irgendwann auch für den Laien erkennbar. Für den Erhalt denkmalwerter materieller Substanz ist es dann zu spät: Es bauen sich auf ein Problem für das Erscheinungsbild, für die Verkehrssicherheit und schließlich der Entsorgung des mittlerweile störenden „Schrotthaufens“. Deshalb sind kommunale Entscheidungsträger manchmal froh, wenn Eisenbahnfreunde ihr Auge auf das Objekt geworfen haben und sich die Problematik durch ein großmütiges Verschenken ganz von alleine löst.

Das Kleinbahn-Museum Bruchhausen-Vilsen hat in seiner 50jährigen Museumsgeschichte entsprechende Erfahrungen gesammelt: Hier seien insbesondere die Rettung des FKB-Zuges nach der Nutzung im Freizeitpark Minidomm in Ratingen genannt und der Erhalt der Lok Bruchhausen. Während Lok Franzburg durch die betriebsfähige Aufarbeitung und Integration in die lebendige Dauerausstellung des Kleinbahn-Museums optimal bewahrt und vermittelt wird, zeigt auch Lok Bruchhausen durch die erheblichen Instandsetzungen parallel zur Aufarbeitung von Lok Hoya und die dauerhafte Pflege auch heute gute materielle Substanz und ein werbendes Erscheinungsbild. Dieser gute Erhalt der Denkmallok Bruchhausen über mittlerweile 45 Jahren im Freien konnte deshalb gelingen, weil Gemeinde und Eisenbahnfreunde ihr Wissen und Vermögen für das Objekt optimal zusammenführen.

 

Lok 99 651 als Denkmal in Steinheim/Murr

Auch in der Stadt Steinheim an der Murr gab es vor 50 Jahren engagierte Menschen, die sich mit der sich abzeichnenden Stillegung der schmalspurigen Bottwartalbahn Marbach – Heilbronn nicht abfinden wollten und die zusammen mit Bürgermeister Alfred Ulrich erreichten, dass ihre Stadt auch nach der erfolgten Einstellung des Schmalspur­bahn­be­trie­bes mit einer gut 4 km langen Regelspurstrecke nach Marbach weiterhin im Güterverkehr per Bahn erreichbar blieb. Parallel dazu sollte eine der die Schmalspurbahn 40 Jahre lang prägenden Dampflokomotiven der Baureihe VI K als Denkmal an den vormaligen Bimmelbahnbetrieb in der Stadt erinnern. Die Deutsche Bundesbahn stellte die damals im Bottwartal gerade vorhandene Dampflok 99 651 zur Verfügung, die im August 1969 voll betriebsfähig auf den Denkmalsockel am Bahnhofsgebäude in Steinheim kam.

Als sich nach der zum 31. 3. 1983 erfolgten Einstellung des Güterverkehrs durch die Deutsche Bundesbahn auf der Schmalspurbahn Warthausen – Ochsenhausen diverse Eisenbahnfreunde für einen dortigen Dampfbetrieb engagierten, fiel das Interesse auch auf die in Steinheim stehende Denkmallok 99 651. Zur Abwehr organisierte der Steinheimer Bürgermeister den Kauf der Lok von der DB. Um den kommunalen Haushalt nicht durch den Kaufpreis in Höhe von 14.478 DM zu belasten, organisierte die Stadt eine Spendenaktion. Im Kaufvertrag ließ sich die DB ein Rückkaufrecht einräumen, vielleicht aus Interesse am und als Sicherungsnetz für den Erhalt der Lok oder um bei einem eventuellen Weiterverkauf der Lok an die Öchsle Museumsbahn am eventuellen Mehrerlös zu partizipieren.

Bei der Lok der Baureihe VIK handelt es sich um eine ästhetisch gelungene Konstruktion mit überschaubarer Größe. Kein Wunder also, dass diese schöne Lok eine werbliche Funktion für die Stadt Steinheim entfaltete und von den Menschen gemocht wird. Die Lok war auch nicht einer offenkundigen Verwahrlosung preisgegeben, sondern wurde im Rahmen des Möglichen ansehnlich gehalten. Doch nach mehr als 45 Jahren unter freiem Himmel beschreibt das Landratsamt Ludwigsburg als untere Denkmalschutzbehörde im Schreiben an Bürgermeister Thomas Rosner vom 11. 6. 2015: Der Zustand der Lok ist als schlecht und durch Witterungseinfluss sind weitere Schäden zu erwarten. ... Durch die ungeschützte Aufstellung unter freiem Himmel hat die Dampflok schwer gelitten. Neben allgemeinen Verschmutzungen einschließlich Moos- und Flechtenbildung sind im Bereich des Führerstandes sowie am Fahrzeugrahmen und am unteren Kesselmantel starke, fortschreitende Korrosionsschäden aufgetreten, die dringend behoben bzw. gestoppt werden müssen.“

Deshalb mussten im Januar 2014 eine Stützkonstruktion und das Gleisstück helfen, als die Lok für den Bau des Kreisels in der Landstraße 1126 versetzt werden musste. Trotz des schlechten Erhaltungszustandes kam es in den Jahren 2014 und 2015 zu einer politisch interessanten Entwicklung:

Auf der einen Seite standen Bürgermeister und Verwaltung der Stadt Steinheim, die die Denkmallok als solche im Ort erhalten und dafür sogar 244.000 € Aufwand tragen wollten. Diese Summe sollte gemäß Beschlussvorlage vom 4. 2. 2016 [http://www.stadt-steinheim.de/site/Steinheim-Internet/get/params_E-1728087745/11883218/AU-Nr.%2014-16-GR%20Grundsatzentscheidung%20Verbleib%20Lokomotive.pdf] ausreichen für eine „Sanierung / Restaurierung Lok“ sowie das Herrichten eines Standplatzes mit Überdachung und das Umsetzen der Lok. Auf der anderen Seite standen Bürger, die auf die Unvollkommenheit der Erhaltungsarbeiten hinwiesen, zumal jene ohne Dampflok-Kompetenz aufgestellt waren, und die die Nutzenstiftung so eines Lokdenkmals im Vergleich zu der Höhe der einzusetzenden Mittel in Frage stellten.

Mit der oberen Denkmalbehörde des Landes Baden-Württemberg und der Öchsle-Museumsbahn gibt es weitere Mitspieler. Denn nach der Konsolidierung der Öchsle-Museumsbahn durch den Landkreis Biberach an der Riß und die Stadt Ochsenhausen war es logische Konsequenz, dass das Regierungspräsidium Tübingen am 6. 6. 2005 alle in Baden-Württemberg erhaltene Sachzeugen der vormaligen staatlichen württembergischen Schmalspurbahnen als „besondere Kulturdenkmale“ gem. § 12 Landesdenkmalschutzgesetz für Baden-Württemberg unter Schutz gestellt hat. Dazu gehört auch Lok 99 651, deren „natürliche Heimat“ für die langfristige Zukunft die Öchsle-Museumsbahn sei.

Bürgermeister Rosner tritt dem entgegen mit dem Totschlag-Argument in der Beschlussvorlage: „Eine ... rein monetäre Betrachtung würde dem Verkauf eines Stückes Heimat gleichkommen. ,Heimat verkauft man nicht!‘, so oder ähnlich argumentierten in den letzten Jahren viele Bürgerinnen un Bürger in vielen persönlichen Gesprächen mit dem Bürgermeister.“

Auch die untere Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Ludwigsburg widersprach mit Schreiben vom 11. 6. 2015: Die Lok wurde 1929 und 1964 im Bottwartal eingesetzt und ist eines der wenigen verbliebenen Fragmente dieser von Marbach über Beilstein nach Heilbronn führenden, einst längsten Schmalspurstrecke der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen. Der heimatgeschichtliche Wert der Dampflokomotive ist daher nur an ihrem jetzigen Standort nachvollziehbar, weshalb das Verbringen dieses Kulturdenkmals der Technikgeschichte nach Ochsenhausen von uns abgelehnt wird. Die dafür notwendige denkmalschutzrechtliche Genehmigung kann nicht erteilt werden. Als Teil des Fuhrparks der Öchsle-Bahn würde die Lok vermutlich wieder fahrtüchtig gemacht, was einen hohen Grad an Erneuerungen und somit Verlust an Originalsubstanz und Authentizität mit sich bringen würde. Nach unserer Einschätzung ist in diesem Fall der gute formale, nicht fahrtüchtige Erhalt und somit die rein museale Nutzung besser als ein schlechter funktionaler, d. h. fahrtüchtiger Zustand mit umfangreichem Substanzaustausch.

Ob den Beamten im Landratsamt Ludwigsburg trotz der zugleich beklagten schlechten Erhaltung der Lok 99 651 tatsächlich so sehr am Verbleib der Lok in Steinheim gelegen ist oder ob sie dem Drängen eines Bürgermeisters nachgeben mussten, kann man anhand der unprofessionellen Argumentation mit Aussagen zum heimatkundlichen Wert der Lok in Steinheim in Verbindung mit Vermutungen über künftige Substanzeingriffe nur vermuten. Tatsächlich war die Lok zwischen 1929 und 1964 zwischen Biberach und Ochsenhausen im Einsatz, erst danach folgten noch einige wenige Jahre Dienst im Bottwartal.

Der Steinheimer Gemeinderat stellte sich am 16. 2. 2016 mit 16 zu 5 Stimmen (76 %) gegen die Beschlussempfehlung des Bürgermeisters und stimmte für die leihweise Abgabe der Lok ins 170 km entfernte Ochsenhausen sowie für das Abschließen eines auf lange Dauer angelegten Leihvertrages mit der Öchsle-Museumsbahn. Die klare Beschlussmehrheit dürfte eine gute Grundlage dafür sein, die Gemüter in Steinheim zu beruhigen.

 

Lok 99 651 wieder in Ochsenhausen

Tatsächlich traf Lok 99 651 auf einem Straßen-Tieflader am Sonnabend, den 11. 6. 2016, im Bahnhof Ochsenhausen ein. Als außenstehender Eisenbahnfreund mag man sich über die eingeleitete gute Zukunft der Lok freuen und sich lediglich wundern, dass es in Steinheim überhaupt zu diesem Machtkampf um die Lok gekommen ist. Aber jetzt ist das Schnee von gestern: Den Menschen in Steinheim an der Murr kann unser Dank dafür gelten, 1969 und in den Jahren seither das ihre dafür getan zu haben, dass es heute Lok 99 651 noch gibt und es dadurch möglich geworden ist, diese jahrzehntelang beim Öchsle eingesetzte Lok künftig dort museal zu bewahren und zu vermitteln. Und in Anbetracht des längst eingetretenen Verlustes überlieferter materieller Substanz durch Korrosion und Verwitterung braucht man auch über den Erhalt von zeittypischen Nutzungs- und Gebrauchsspuren nicht länger zu sinnieren, so dass auch der Einsatz neuen Materials für eine eventuelle Wiederinbetriebnahme der Lok keinen Verlust denkmalwerter Substanz bedeuten dürfte.