Lok MPSB 9 wieder betriebsfähig

Seit nun schon 45 Jahren ist die ehemalige Mecklenburg-Pommersche Schmalspurbahn AG (MPSB) Geschichte. Anfang der 1970er Jahre wurden einige Fahrzeuge an Pioniereisenbahnen und an Sammler und Museumsbahnen im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet veräußert und sind bis heute museal bewahrt. Auch die damals als 99 3461 bezeichnete Lok 9’’’ (Nr. in dritter Besetzung) der MPSB ist erhalten geblieben bei der Museumsbahn Froissy – Dompierre, der P´tit Train de la Haute Somme in Nordfrankreich und seit kurzem wieder in Betrieb.

 

Lok MPSB 9 in einem "Fotografier-Anstrich" wieder betriebsfähig bei der Museumsbahn Froissy - Dompierre, 19. 7. 2014, Foto: David Blondin

 

Nach den Regelungen im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz vom 6. 10. 1891 und dem preußi­schen Kleinbahngesetz vom 28. 7. 1892 über den Bau und Betrieb von Kleinbahnen (auch mit 600 mm Spurweite) erfuhr die in Mecklenburg-Strelitz 1888 eröffnete Meliorationsbahn der „Moor-Cultur-Gesellschaft“ von Ferdinandshof zur „Gro­ßen Friedländer Wiese“ einen umfassenden Ausbau zu einem Netz mit gut 230 km Streckenlänge und 600 mm Spurweite in der preußischen Provinz Pommern und im Land Mecklenburg und firmierte ab 1891 als Mecklenburg-Pommersche Schmalspurbahn AG (MPSB).

Im Zuge ihrer Expansion hatte die MPSB zuletzt 1914 eine neue Lokomotive erhalten (MSPB 8“, C1´h2t, Jung 2155/1914) und konnte erst nach Krieg und Notzeit wieder eine neue Lok in Auftrag gegeben: Lok MPSB 9’’’ (Dh2, Vulcan 3852/ 1925).  Mit hochliegendem Heißdampfkessel und als Schlepptenderlok war nicht nur eine gegenüber den anderen MPSB-Loks moderne und ästhetisch besonders ansprechende Lok entstanden, sondern auch das Maß für die weiteren Liefe­run­gen vorgegeben: Die zwischen 1930 und 1938 neu beschafften Lokomotiven (MPSB 10 – 14) lehnen sich an die Konstruktion von Lok 9 an, auch wenn sie von O & K gebaut wurden (Vulcan hatte im Zuge der Welt­wirtschaftskrise den Lokbau aufgegeben) und mit den etwas größeren Führerhäuser nicht mehr ganz so gelungen wirkten.

Die MPSB und deren Fahrzeuge wurden von der Deutschen Reichsbahn übernommen, Lok MPSB 9’’’ erhielt dabei 1950 die DR-Nummer 99 3461. Die Lok blieb mehr als 40 Jahre lang im Einsatz, bis ihr Einsatzgebiet mit dem letzten Güterzug am 27. 9. 1969 stillgelegt war.

Bei heutigen Tourismus- und Museumsbahnen haben sich farbkräftige und hell wirkende Farbtöne weit etabliert, den viele auch als „historische“ Farbgebungen oder Aufarbeitungen „in den Ursprungszustand“ bezeichnen. Aber wie waren Kleinbahnlokomotiven zwischen 1890 und 1950 tatsächlich lackiert? Die überlieferten s/w-Fotos zeigen eher dunkel lackierte Lokomotiven, so auch die Lokomotiven der MPSB. Karl Julius Harder umriss 1973 in einem Schreiben an Wolf-Dietger Machel das Erscheinungsbild der von ihm in den 1940er Jahren erlebten MPSB-Lokomotiven mit

  • dunkelgrün: Führerhaus- und Wassertender-Seiten- und -Stirnwände, Kessel, Wasserkästen,
  • schwarz: Rauchkammertür, Zylinder und Rohre,
  • rot: Rahmen und Räder.

 

Modell der Lok MPSB 9 im Aussehen des Lieferzustandes, Foto: Wolfram Bäumer

 

Dieses von Modellbahnern gerne als „Länderbahn“ bezeichnete Farbschema für die MPSB-Lokomotiven erscheint plausibel, denn bis in die 1990er Jahre neigten Klein- und Nebenbahnen dazu, ihre Fahrzeuge an die jeweils modernen Staatsbahnfahrzeuge optisch anzulehnen. Zwar hätten Vulcan und O&K die Loks MPSB 9´“ bis 14 ab 1925 bereits im neuen Anstrichschema der DR (also schwarz-rot) abgeliefern können, doch dann würde das an den „Länderbahn-Anstrich“ erinnernde Werkfoto ein veraltetes Anstrichschema andeuten, was aus Werbegründen unplausibel erscheint.

1970 gründeten einige französische Eisenbahnfreunde den Verein APPEVA (Verein für Erhaltung und Pflege alter Fahrzeuge in der Picardie). Sie übernahmen ein zuletzt von der Zuckerfabrik Dompierre genutztes Streckenstück einer für die Schlacht an der Somme (Juli – November 1916) auf französisch-britischer Seite gebauten Heeresfeldbahn und nahmen am 13. 6. 1971 den Fahrbetrieb auf. Die von der Zuckerfabrik nicht be­trie- bene und vermutlich in den 1940er Jahren abgebaute Teilstrecke vom Weiler Froissy zum Hafen Cappy wurde wieder aufgebaut, Betriebs- und ein Museumsgebäude errichtet und 38 Triebfahrzeu­ge und mehr als 120 Wagen gesammelt [http://appeva.perso.neuf.fr/cfcd3_d.htm].

1972 gelangte die damals als 99 3461 bezeichnete Lok 9’’’ der MPSB zur Museumsbahn Froissy – Dompierre und wurde jahrelang eingesetzt. Nach einer längeren Abstellzeit und einer 15 Jahre umfassenden Aufarbeitung einschließlich dem Neu­bau des Kessels bei der Fa. Lonkwitz war es im Mai 2014 so weit, dass die Lok zum ersten Mal angeheizt werden konnte. So konnte die Lok am Pfingst-Sonntag, den 8. 6. 2014, der überraschten Öffentlichkeit gezeigt werden und zwischen der Ausstellungshalle und dem Bahnhof Cappy pendeln. Anschließend fielen noch Restarbeiten und Prüfungen durch die technische Aufsicht an, bis die Lok am 26. 7. 2014 in Dienst gestellt wurde. Die APPEVA beabsichtigt, Lok und Tender in einigen Jahren schwarz-rot zu lackieren.

 

Lok MPSB 9 im Aussehen der Deutschen Reichsbahn vor einem Sonderzug für Eisenbahnfreunde im Bf. Friedland Nord (Meckl.), Mai 1967, Foto: Klaus Kieper