Die verkehrshistorische Modellbahn-Anlage

des MEHEV im Museum für Hamburgische Geschichte

Viele technische Museen nutzen Modelle gerne, um ihren Besuchern bestimmte Techniken oder Abläufe eindrucksvoll und leicht verständlich zu erläutern. Wer z. B. eine als Museum geöffnete historische Fabrikanlage durchläuft, kann hier eine Dampfmaschine sehen, dort eine Kesselrückwand, anderswo eine Schalttafel oder Transmissionsriemen und schließlich in einer Halle Webstühle oder andere Maschinen. Die Funktionalität dieser Elemente als zentrale Anlage für den Antrieb der Webstühle kann man den Besuchern möglicherweise mündlich beschreiben oder mit einem entsprechenden Modell der Gesamtanlage zeigen. Und wenn sich die Dampfmaschine und die Transmissionen des Modells sogar in Drehungen versetzen lassen, dürften die Besucher das Ganze sogar noch besser verstehen. So sind eine ganze Reihe von Fällen denkbar, in denen Modelle bestimmte Technologien sogar besser vermitteln können als die besterhaltenen Originale, und wird der Einsatz von Modellen auch in den größten Museen als Bereicherung empfunden.

 

Erst recht in den Eisenbahn-Museen in Berlin, Dresden, Nürnberg, München und Wien bereichern viele Modelle die Ausstellungen. Zwar handelt es sich überwiegend um Modelle historischer Fahrzeuge oder Eisenbahn-Anlagen, die das vormalige Aussehen der zumeist heute nicht mehr vorhandenen Originale zeigen. Nur ein geringer Teil der Modelle lässt sich in Gang setzen, um eine bestimmte Funktionalität zu vermitteln.

Wo Museen ehrenamtlich betrieben werden, scheint es eine noch höhere Neigung zum Aufbau von Modell-Eisenbahnen zu geben – wenn auch mit Eigendynamik. Der Autor denkt mit Grauen an die damals als wichtige Bereicherung der Dauerausstellung bezeichnete Modellbahn im DGEG-Rhein-Neckar-Eisenbahn-Museum in Viernheim zurück, auf der LGB-Fahrzeuge ohne jede erkennbare Aussagekraft – bestenfalls – ihre Kreise zogen.

An dieser Stelle lohnt der Blick auf die Breite des Modellbahn-Hobbies. Denn die Verbindung aus Modellbau und Eisenbahn hat in unserer Gesellschaft  mit den Modell-Eisenbahnen in den unterschiedlichsten Ausprägungen einen besonderen Stellenwert. Zwar gibt es mit den Modell-Dampfmaschinen, -Schiffen, -Autos und -Flugzeugen auch andere Modellbau-Aktivitäten, doch bietet die Modellbahn mit ihrer Breite von den Fertiggeländen bis zu kompliziertesten Digital-Steuerungen ein über den reinen Modellbau deutlich erweitertes Betätigungsfeld. Hier gibt es detailliebende Modellbauer („Nietenzähler“), Liebhaber technischer Spielzeuge, Landschaftsgestalter und Spiel-Bahner. Will sagen: Eine Modellbahn kann auch etwas ganz anderes sein als etwa der genaue Nachbau einer historischen Eisenbahn-Anlage im Anspruch eines Architekturmodells. Für Letztgenanntes das Beispiel der „Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums Berlin e. V.“ mit ihrem Nachbau des etwa 2,5 km langen Streckenabschnitts des Anhalter Bahnhofs Richtung Süden im Zustand von 1939 und im H0-Maßstab im Lokschuppen II des Deutschen Technikmuseums Berlin. Diese Weite des Begriffs „Modellbahn“ sollten wir im Auge behalten, wenn wir über Modellbahnen in Eisenbahnmuseen nachdenken.

 

 

Nachbau des Anhalter Bahnhofs (Bahnhofshalle hinten rechts) mit den Ortsgüteranlagen (vorne rechts) und dem Bahnbetriebswerk mit den beiden Lokschuppen (heutiger Museums-Standort) im H0-Maßstab im Lokschuppen II des Deutschen Technik-Museums Berlin, 3. 2. 2011, Foto: Wolfram Bäumer

 

Im Unterschied zu den klassischen Museen gehören „Ganzheitlichkeit + Lebendigkeit“ zum Museumskonzept der Freilichtmuseen, das bekanntlich 1966 vom Kleinbahn-Museum Bruchhausen-Vilsen erstmals in Deutschland für das Thema Eisenbahn realisiert wurde. Hier bedarf es keiner Modellbahn-Anlage, um die Funktionalität der Dampflok, der Transportgefäße, der Strecke und der Verkehrsstationen den Besuchern zu vermitteln, denn hier ist der Zugfahrbetrieb in historischer Ausprägung der Mittelpunkt der Ausstellung. Aber auch in Freilichtmuseen könnten Modelle die Ausstellung bereichern, z. B. ließen sich die Unterschiede zwischen Stephenson-, Allan- und Heusinger-Steuerung mit drei Modellen in gleichem Maßstab (z. B. in 1 : 10) den Besuchern besser vermitteln, als durch die Fahrt nach Asendorf mit den Dampfloks Hoya, Hermann und Spreewald, wie der Trägerverein DEV des Museums früher mal das Anschaffen dieser Dampfloks krampfhaft zu begründen versuchte.

 

Die verkehrshistorische Modelleisenbahn des MEHEV

Im zweiten Obergeschoss des Museums für Hamburgische Geschichte in zwei zusammen 600 qm großen Räumen betreibt seit 1949 der 1931 gegründete „Modell-Eisenbahn Hamburg e. V.“ (MEHEV) eine 250 qm große Modelleisenbahn im Maßstab 1 : 32 (Spur I) mit Strecken, zwei sichtbaren Bahnhofsanlagen, Schattenbahnhöfen und zusammen 240 Weichen und 1,2 km Gleisen. Nachempfunden sind die Bahnhöfe Hamburg-Harburg sowie der auf der Elbinsel Grasbrook gelegene Teil des Hauptgüterbahnhofs.

Die jeweils gut 30 Minuten dauernden Vorführungen zeigen mehr als 40 Züge über die Anlagenteile, von dampfgezogenen aus der Länderbahnzeit bis zum ICE 2. Über eine Lautsprecheranlage nennt der Vorführer technische Daten wie Antriebsleistung, Baujahr und Stückzahl des Triebfahrzeuges oder beschreibt die Zugbildung. Unter den Zügen sind solche, die für die Hamburger Eisenbahngeschichte herausragend sind (z. B. der LBE-Doppelstock-Zug) als auch solche, die wenig mit der Hamburgischen Eisenbahngeschichte zu tun haben (z. B. der „gläserne Zug“, ein Wismarer Schienenbus oder der Kruckenbergsche Propellerwagen).

Die verkehrshistorische Anlage unter dem ursprünglichen Thema „von Harburg bis Oberhafen“ eignet sich insbesondere, Züge über die gesamte Anlage fahren zu lassen. Rangierbetrieb ist durch Ortsgüterbahnhöfe und diverse Fahrzeuge angedeutet, laut MEHEV werden bei den Vorführungen am Wochenende auch Rangierfahrten gezeigt.

Der Bahnhof Hamburg-Harburg hat im Vorbild viele Änderungen erfahren, doch der Personenbahnhof entspricht dem Vorbild noch so sehr, dass jeder das Modell erkennen und nachempfinden kann, der das Vorbild kennt. Mit den Strecken und den Mittelbahnsteigen kann die Modellbahn den früheren und heutigen Betrieb mit den Reise- und Güterzügen zwischen Meckelfeld und den Süderelbbrücken bzw. Hamburg-Unterelbe sehr gut zeigen. Der Ablaufberg des Rangierbahnhofs ist funktionsfähig, so dass auch der Ablaufbetrieb zum Sortieren von Güterwagen vorgeführt werden kann. Die Ortsgüteranlage gibt Einblick in den Güterumschlag an der Schnittstelle Schiene/Straße, doch bleibt sie im Vorführbetrieb unbelebt.

 

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Empfangsgebäude und die Zwischenbahnsteige des Bahnhofs Hamburg-Harburg, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer


Bahnbetriebswerk (hinten) und Rangierbahnhof Hamburg-Harburg, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer


Streckengleise zwischen den Süderelbbrücken und dem Bahnhof Harburg, Ortsgüterbahnhof, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Noch interessanter erscheint der zweite Teil der Modellbahn-Anlage mit der Pfeilerbahn und einem Teil des Hauptgüterbahnhofs. Denn der Hafen und die Eisenbahn-Anlagen Hamburgs haben in den letzten Jahrzehnten einen gravierenden Wandel erfahren durch die Containerisierung des Seeverkehrs. Zwar galt Hamburg durch die gut und speziell ausgestatteten Umschlaganlagen schon früher als schneller Hafen, doch heute liegen die Schiffe nur noch wenige Stunden am Kai, werden mit riesigen Geräten gelöscht und beladen und sind wieder weg. Statt großer Kailängen werden heute große Stapelflächen für die Container benötigt sowie leistungsfähige Eisenbahnstrecken für den Seehafen-Hinterlandverkehr. Heute werden die frühen Hafenanlagen rechts der Elbe für den Güterverkehr überhaupt nicht mehr benötigt und wird die Elbinsel Grasbrook für das luxuriöse Wohnen und Verreisen mit schwimmenden Hotels völlig umgestaltet.

 

Blick von Süd-Westen nach Nord-Osten auf den Hamburger Teil der Anlage mit Versmannkai (links), Pfeilerbahn und dem Bahnhofskopf des Stellwerks Hob (vorne rechts), 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Die Modellbahn zeigt die vormaligen Eisenbahnanlagen auf dem Grasbrook zwischen Ober- und Baakenhafen mit den Bahnhofsteilen „Hamburg Han“ („Hannoverscher Bahnhof“, ab 1906 Umbau zu Eil- und Stückgutbahnhof, vor 1892 auch „Pariser“ oder „Venloer“ Bahnhof), „Sandstrang“ und „Bf III“ des Hauptgüterbahnhofs, der „Pfeilerbahn“ und von den Anlagen der Hafenbahn den Versmannkai am Baakenhafen des vormaligen Hafenbahnhofs „Kai rechts“ (der Elbe). Die vier Schuppen 22 – 25 am Versmannkai werden wiedergegeben, Schuppen 25 mit dem dahinterliegenden Bananendampfer Watussi im Modell, die drei anderen als Hintergrund-Zeichnung. Auch das Gaswerk, die Speicherstadt, die Ansicht der Bahnhofshalle des Hannoverschen Bahnhofs und die Kirchtürme der Altstadt sind als Hintergrund zu erkennen. Das Vorbild wurde stark verändert: Von den im Modell gezeigten Anlagen gibt es heute nur noch die 2 * 2 Streckengleise mit den Abzweigungen Norderelbbrücke, Oberhafen und Ericus.

 

 

Stadtplan von 1960 mit dem im Modell dargestellten Bereich farblich hervorgehoben. Die im Vorbild betrieblich wichtige Strecke zum Bf. Rothenburgsort und weiter zur Güterumgehungsbahn fehlt auf der Modellbahn aus räumlichen Gründen. Graphische Bearbeitung Wolfram Bäumer


Längs durch den Anlagenteil zieht sich das Modell der 1904 eröffneten „Pfeilerbahn“ hin  vom Haltepunkt Elbbrücke bis Oberhafen (ein 1,1 km langer Viadukt aus 126 gemauerten Steingewölben mit zwei Unterführungen der Güterzuggleise). Damit ist die Führung der zweigleisigen Personenzugstrecke über die Güterverkehrsanlagen vollständig nachgebaut.

Zu dem vom MEHEV genutzten Begriff „Hauptgüterbahnhof“ ist zu ergänzen, dass das Modell nur einen kleinen Teil der Tarifstation dieses Namens darstellt, zu der neben dem im Modell gezeigten Betriebsbahnhof zumindest in der Vorkriegszeit auch der Berliner Bahnhof jenseits des Oberhafens und gar der Übergabebahnhof „Hamburg Süd“ auf der anderen Elbseite gehörten (s. DME 4/06 S. 20 – 28).

 

Hamburgische Verkehrsgeschichte als Thema

Die anläßlich des 50jährigen Jubiläums des MEHEV herausgegebene Festschrift der Hamburger Blätter vom November 1981 liefert viele Informationen aus der MEHEV-Geschichte, aus denen im Folgenden geschöpft sei:

Nach ersten temporären Tischanlagen ab 1925 gründeten am 10. 11. 1931 sieben Männer den MEHEV mit dem Zweck: „Studium eisenbahntechnischer Fragen an Hand einer Modelleisenbahn und Förderung des allgemeinen Interesses am Eisenbahnwesen“. Gründungsmitglied und Vereinsvorsitzender für Jahrzehnte wurde der Kulturwissenschaftler Dr. Walter Hävernick, der beruflich von 1935 bis 1945 Kustos der Herzoglichen Anstalten für Kultur und Wissenschaft in Gotha war, ab Februar 1946 das staatliche Museum für Hamburgische Geschichte (MHG) leitete und am 1. 4. 1947 zum Professor der Universität Hamburg berufen wurde.

 

Zu Weihnachten 1931 bildete der MEHEV die Mainzer Bahnhofsanlagen so nach, dass sie mit Fahrdienstleitern, Weichenwärtern und Lokführern den Vorbild-Betrieb nachfahren konnten. Foto: MEHEV

 

Der MEHEV bildete 1932 acht Arbeitsgruppen. Die Arbeitgsgruppe „Gleisbau“ wurde von Kurt Herbener geleitet, der beruflich im Krieg bei den Wirsitzer Kreisbahnen und nach 1945 bei der AKN-Eisenbahn AG aktiv war – also ein Kleinbahn-Fachmann. Zunächst sollte es bei temporären Anlagen bleiben, als Verein konnte man immerhin größere Räume anmieten und die Öffentlichkeit für die Modellbahnen interessieren. Mit der dauerhaften Anmietung eines 128 qm großen Raumes in der Bergstraße 14 konnte der MEHEV ab 1937 eine Anlage mit 410 m Gleisen, 12 Stellwerken und 70 Weichen aufbauen, die den Bahnhof Göttingen zum Vorbild hatte und auf der ein vorbildgerechter Fahrbetrieb für die vorhandenen 16 Zuggarnituren möglich war.

Zeitgleich gab es im MEHEV die Idee, ein hamburgisches Verkehrsmuseum zu schaffen. Dafür wurde auf der Mitgliederversammlung im Jahr 1942 der Beschluss gefasst, das Vereinsvermögen (damals insbesondere der Bestand selbst gebauter Fahrzeuge) im Falle der Vereinsauflösung der Verwaltung für Kunst- und Kulturangelegenheiten der Hansestadt Hamburg zufallen zu lassen. Hävernick legte 1944 ein Konzeptpapier dafür vor und regte damit Rolf Heyden an, diverse Modellumsetzungen hamburgischer Eisenbahnanlagen zu entwerfen. „Als Kern des Museums war eine große, fahrplanmäßig betriebene Eisenbahn-Modell-Anlage vorgesehen als Lehrmittel für Schulen und für die Öffentlichkeit. Betrieb und Leistung der Eisenbahn in lebendiger Weise zu zeigen, erschien wichtiger als das technische Bild, als eine Reihe historischer Modelle, als papierene Urkunden und andere übliche Darstellungsmittel“, so Carl-Boie Salchow 1981 im Rückblick.

Das Mitglied Gerhard Jürs hatte die Idee, einen für eine noch nicht errichtete Ausstellungseinheit noch leerstehenden Raum im zweiten Obergeschoss des im vom Krieg teilzerstörten Museum für Hamburgische Geschichte für den Aufbau einer neuen Modellbahn-Anlage zu nutzen, was im April 1947 mit der Liegenschaftsverwaltung der Hansestadt Hamburg auf zunächst 20 Jahre vereinbart werden konnte. Von Rolf Heyden kam der Gleisplan-Vorschlag, der unter vielen als einziger für ausführbar eingeschätzt wurde und der auch umgesetzt wurde.

Kurt Herbener unterstützte die auf Gleisplänen der Vorkriegszeit basierende Umsetzung mit seinem Sachverstand und sorgte für eine saubere Gleisgeometrie mit einem kleinsten Halbmesser von 1.500 mm, 600 mm langen Übergangsbögen und Überhöhungsrampen, Weichenbauzeichnungen mit Schwellenbohrplan und Absteckskizze, Weichen ohne Überschneidung mit 1.700 mm sowie 3.000 mm Abzweigradius und das Abstecken der Gleislagen nach dem Taschenbuch von Sarrazin-Oberbeck-Höver – also ein stark an das Vorbild angelehnter Gleisbau.

 

Trassenbau des Seevetals, um 1948, Foto: MEHEV

 

Für die Umsetzung vom Vorbild zum Modell wurden die Bahnhöfe „nachgestaltet“, indem Hauptgleise soweit vorhanden sind, als sie zum Fahrbetrieb benötigt werden, und Nebengleise zum Teil fehlen oder eine andere Lage erhalten haben, um den Räumlichkeiten zu entsprechen und die Zuschauer nicht zu verwirren. Dabei erschien die klare Gliederung der Anlage wichtig, um das Charakteristische des Eisenbahnbetriebes vorführen zu können.

 

Blick von den Süder-Elbbrücken auf den Nordkopf des nachgebildeten Bahnhofs Hamburg-Harburg, um 1950, Foto: MEHEV

 

Auf der Unterelbebahn fährt die selbstgebaute LBE-Garnitur in den Bahnhof Hamburg-Wilhelmsburg ein, um 1952, Foto: MEHEV

 

Für den Aufbau einer so großen Modellbahn-Anlage brauchte man zunächst sehr viel Sperrholz. Doch war das 1947/48 nicht einfach bei einem Lieferanten einzukaufen. Hävernick konnte mit seinen Kontakten erreichen, dass die schwedische Staatsbahn 250 qm Sperrholzplatten per Schiff nach Hamburg lieferte und die Aktiven des MEHEV im Gegenzug das Modell eines schwedischen Schlafwagens im Maßstab 1 : 10 bauten. Dieses Material und ein Kredit der Hamburgischen Landesbank nach der Währungsreform über 10.000 DM ermöglichten, dass der MEHEV den Streckenabschnitt von Meckelfeld über den Bahnhof Hamburg-Harburg bis zu den Süderelb-Brücken am 7. 10. 1949 als ersten Teil seiner Modellbahn eröffnen konnte. Damals gab das Museum eine Begleitschrift heraus, die den Besuchern den eisenbahngeschichtlichen Hintergrund der verkehrshistorischen Modellbahn-Anlage vermittelte.

 

 

Anlässlich der Eröffnung des zweiten Teils der Modellbahn von den Norderelbbrücken bis zur Oberhafenbrücke am 1. 3. 1956 blickte Hävernick auf die Idee zurück:

„Unsere Museen verharren allzu sehr in dem seit alterher gewiesenen Rahmen des Sammelns und der Theorie. Im Rahmen letzter sind wohl die technischen Erfindungen und Entdeckungen an einer Stelle glänzend repräsentiert (Deutsches Museum), nirgends aber zeigte man die Technik als Helfer und Gestalter des Wirtschaftslebens im „Lebensraum“. Hamburg ist ein solcher Wirtschaftsraum, dessen Leistung und Umfang abhängig ist von den Verkehrsträgern. Was lag näher, als diese treuen Helfer von Handel und Wirtschaft im Museum für Hamburgische Geschichte als Gesamtbild darzustellen? Hamburgs Handel und Schiffahrt könnten heute nicht bestehen ohne die Dienste der Deutschen Bundesbahn. Dies ließe sich nicht durch tote Modelle, sondern nur durch eine große Modell-Anlage – betriebsfähig – als Teilausschnitt des Hamburger Streckennetzes darstellen. Diese Idee ist in den letzten 30 Jahren an verschiedenen Plätzen verfolgt worden, aber verwirklichen konnte man sie nicht. Außer Geld gehört nämlich etwas dazu, das man nicht kaufen kann: fleißige Hände kenntnisreicher und opferbereiter Menschen. Nur durch gute Zusammenarbeit eines Modelleisenbahn-Vereins und eines Museums konnte das Werk gelingen.“ Nicht er selbst aber wir können heute gerne hervorheben, dass es wohl insbesondere Hävernicks selbst bedurfte, um als Scharnier zwischen den Modellbahnern und der hamburger Kulturverwaltung diese beiden Teile so zusammenzubringen und zu -halten, wie es eine derartige Aufbauleistung erfordert.

 

Einfahrt von den Norderelbbrücken (hinten links) in den Hauptgüterbahnhof auf der Elbinsel Grasbrook mit dem Kaischuppen 25. Darüber führt die Pfeilerbahn mit dem Haltepunkt Elbbrücke. Alle zu sehende Fahrzeug wurden von MEHEV-Aktiven selbst gebaut, darunter auch die Zuggarnitur der LBE. Um 1960, Foto: MEHEV

 

Die Anlage hat sich am Vorbild der Nachkriegszeit orientiert, die Gebäude und die Hintergrundkulisse zeigen jene Ausprägung. Davon abweichend sind der im Krieg zerstörte Haltepunkte Elbbrücke und der 1981 abgetragenen Haltepunkt Oberhafen auf der Pfeilerbahn in Betrieb wiedergegeben. Die Schuppen 22 bis 24 wurden im damals aktuell wiederaufgebauten Zustand gezeichnet, der damals noch zerstörte Schuppen 25 im Vorkriegszustand nachgebildet.

 

Vorne der Ortsgüterbahnhof „Bahnhof III“, dahinter der im Krieg zerstörte Haltepunkt „Elbbrücke“ und dahinter die Ansicht auf die 4 Brücken über die Norderelbe, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Hinter dem Bahnhofskopf des Stellwerks Hw liegen der ehemalige Haltepunkt „Oberhafen“ der Pfeilerbahn und dahinter sind – gezeichnet – das Gaswerk, die Speicherstadt, die Türme der Altstadt, die Halle des „Hannoverschen Bahnhofs“ zu erkennen. Ganz rechts der Empfangsschuppen 4. 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Hinter dem Hafenbahn-Gleis über die Versmannstraße und über die Elbbrücke liegen im Baakenhafen das Dampfschiff Watussi und der Kaischuppen 25, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Die Hintergrundkulisse für den Harburger Teil wurde von den Kunstmalern May und Baass geschaffen, mit finanzieller Unterstützung des Bezirksamtes und Harburger Industriebetriebe. Auf der Hamburger Seite hat der Kunstmaler Werner Anton mit Finanzierung durch die Stiftung der HHLA den Hafen, die Schuppen, das Gaswerk und die Stadt gezeichnet.

 

Veränderungen

Bis 1972 entsprachen die Weichenlagen in den Bahnhofsköpfen der Stellwerke Hob und Hw des Hauptgüterbahnhofs weitgehend dem Vorbild samt der 1903 gebauten Güterumgehungsbahn nach Hamburg-Rothenburgsort, doch hat der MEHEV dann den Gleisplan vom Vorbild entfernt, um Unterhaltungsaufwand für wenig genutzte Weichen einzusparen. Anders gesagt: Der MEHEV hat hier einmal die Gleisanlage für den Vorführbetrieb optimiert und eine Wegentwicklung des Modells vom Vorbild dazu in Kauf genommen. Das eisenbahnbetrieblich wichtige Kopfmachen vieler der Güterzüge in dieser Gleisgruppe des Hauptgüterbahnhofs, das bei der DB gang und gäbe war, lässt sich im Modell somit eben nicht darstellen.

Um sich im MEHEV ganz der verkehrshistorischen Modellbahn im MHG zu widmen, wurde am 10. 1. 1957 der „Freunde der Eisenbahn e. V.“ (FdE) ausgegründet, damit dort die Freunde der großen Eisenbahn eine Heimat finden. Auch der im Jahr 1958 gegründete Kleinbahn-Verein Wohldorf e. V. erhielt vom MHG und MEHEV Unterstützung, doch sollte 1964 das Vorhaben eines historischen Zugbetriebes im Original noch scheitern. Aus Hävernicks Bemühungen um ein Nahverkehrsmuseum an den Wallanlagen und zusammen mit der Hochbahn AG um einen „Museumsbahnhof Hamburg-Bergedorf“ entstand eine Fahrzeugsammlung, die ab 1981 auf 17 Gleisen des Bahnbetriebswerkes Hamburg-Wilhelmsburg gezeigt wurde, bis jenes am 15. 4. 1994 abgebrannt ist.

Auch die Modellbahn bleibt nicht stehen: In den Jahren 1964/65 wurden die Hauptgleise elektrifiziert und viele Form- gegen Lichtsignale ausgetauscht. Ein Kurzschluss im Frühjahr 1994 und ein neues Brandschutz-Gutachten für das Museum waren der Anlass, in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die Verkabelung und die Gleise samt der Steuerung völlig zu erneuern. Durch Verzicht auf den bis dahin eingesetzten Mittelleiter und den Einbau schlankerer Weichen hat das Gleisbild optisch stark gewonnen. Gleichzeitig wurde der Fahrstrom von Wechsel- auf Gleichstrom umgestellt. Am 6. 12. 1996 konnte der Betrieb nach einer ersten Baustufe mit 16 Zügen und 40 % der Gleisanlagen wieder aufgenommen werden. Nach Abschluss der Neuverkabelung und des Gleisneubaus konnte am 7. 10. 1999 der volle Betrieb wieder aufgenommen werden. Nunmehr reicht ein einziger Vorführer aus, um die Anlage mit mehr als 40 Zugfahrten für etwa 35 Minuten zu beleben.

Der MEHEV zählte in den letzten Jahren mehr als 40.000 Besucher mit ansteigender Tendenz an. Zugleich seien die Besucherzahlen des Museums für Hamburgische Geschichte in den letzten Jahren von über 200.000 auf unter 100.000 Besucher pro Jahr gefallen (2015: 42.097 Besucher der Anlage, + 5,1 %, 92.547 Besucher des MHG -11,5 %). Diese Zahlen zeigen die hohe Bedeutung, die die verkehrshistorische Modellbahn-Anlage als zentrale und wesentliche Ausstellungseinheit für dieses stadthistorische Museum gewonnen hat, zumal eine nicht geringe Anzahl von Besuchern das MHG ausschließlich wegen der verkehrshistorischen Modellbahn zu besuchen scheint.

Historische Museen in anderen Städten dürften neidisch auf einen derart attraktiven Besucher-Magneten als Teil der Dauerausstellung sein. Ob die Beamten in der Hamburgischen Kulturbehörde und der Museumsleitung sich wohl darüber bewusst sind, wie stark sie noch heute vom Schaffen Hävernicks vor 75 Jahren profitieren? Welcher Museums-Macher kann auf eine derart langlebige und erfolgreiche Ausstellungseinheit zurückblicken wie auf die bald 70 Jahre lang gezeigte und belebte verkehrshistorische Modellbahn im MHG?

 

Gedanken zur Zukunft

Aktuell schreibt der MEHEV auf der Startseite seines Internet-Auftritts: „Die Leitungen der „Stiftung Historische Museen Hamburg“ und des „Museums für Hamburgische Geschichte“ planen zurzeit, das Museum für Hamburgische Geschichte neu zu gestalten. Es ist nicht auszuschließen, dass im Rahmen der Umgestaltung die verkehrshistorische Modellbahnanlage von MEHEV nach über 67 Jahren umziehen muss in kleinere Räumlichkeiten und damit ihr bisheriges Flair verändern wird. Nutzen Sie die Gelegenheit, die noch bestehende, inzwischen historische Modellbahnanlage an ihrem bisherigen Standort im Betrieb zu erleben.“

Es werde überlegt, die Modellbahn in einen anderen und kleineren Raum im 3. Obergeschoss zu verlagern, was als Bedrohung empfunden werden kann. Denn es steht zu befürchten, dass ein Umzug und eine Verkleinerung selbst unter denkbar optimalen Bedingungen zu erheblichen Verlusten an der Gestaltung und Aussagekraft der jahrzehntelang bewahrten verkehrshistorischen Anlage führen würde.

Der MEHEV wirbt mit: „Hamburgs größte Modellbahnanlage in Spur 1“, was recht merkwürdig erscheint. Denn es wirkt – trotz seiner Richtigkeit – etwas verzweifelt, wenn zugleich das zwei U-Bahn-Stationen entfernte „Miniatur Wunderland“ für sich als „größte Modelleisenbahn der Welt“ wirbt und mit Zahlen beeindruckt wie: 12 Mio € Baukosten, 262 Mitarbeiter, 13 km Gleise, 3.050 Weichen. Gegen kommerzielle Unternehmen aus der Freizeit-Industrie können ehrenamtlich getragene Initiativen nicht in einen Wettbewerb um Größe oder Menge eintreten. Außerdem erscheinen dem Autor Superlative in der Werbung sowieso einfältig. Denn welche Vorzüge vom Produkt soll sich ein Kunde ausmalen hinter Begriffen wie „Erste Museumsbahn Deutschlands“ oder „größtes Eisenbahnmuseum seiner Art“?

Die Vorführung wurde 1999 umgestellt auf das Thema „100 Jahre Eisenbahngeschichte in Hamburg – von preußischen Abteilwagen bis zum ICE sowie entsprechende Zugbildungen im Güterverkehr“, und schon 1989 nannte der MEHEV als Motto für die Vorführung: „40 Züge der letzten 80 Jahre“. Damals konnte der MEHEV 80 Triebfahrzeuge und 500 Wagen einsetzen. Aber ist das Zeigen von nacheinander mehr als 40 vorbeifahrenden Zügen wirklich eine gute Museums-Vorführung? Zwar gibt der Vorführer zu allen Zuggarnituren Erläuterungen aus der Eisenbahngeschichte, doch scheint das Hören von Lokhersteller-Namen, Losgrößen und Antriebsleistung viele Besucher nicht wirklich zu begeistern. So ist zu beobachten, dass Kinder an den Geländern zu turnen beginnen oder sich Besucher abwenden und die noch laufende Vorführung verlassen.

Bis 1994 war die Vorführung auf einen Tagesablauf im Bahnhof Harburg aufgebaut, was anscheinend bis zu bildlichen Bahnhofsfahrordnungen mit der Übernahme der Zugfahrten aus dem DB-Kursbuch durchgeplant worden ist.

Der Autor hat die damalige Vorführung leider nicht kennengelernt und kann auch nicht ermessen, ob sie auf Besucher schlecht gewirkt hat. Immerhin scheint sie durch die lokale Verknüpfung mit dem Vorbildbahnhof Harburg einen höheren Bezug zur gebauten Modellbahn aufgewiesen zu haben, und das kann ja nur gut gewesen sein. Denn das schlichte Hintereinanderfahren von Zügen wäre auf einer Nachbildung des Bahnhofs Neumünster, Lehrte oder München-Pasing in exakt gleicher Weise ermöglicht. An Bahnsteigen haltende oder durchfahrende Züge können die Menschen an vielen Bahnhöfen in Deutschland erleben, dazu müssen sie nicht ins Museum für Hamburgische Geschichte gehen.

So gilt zu überlegen, welche Fahrbewegungen die MEHEV-Anlage mit ihrer Gleisgeometrie und ihrem Bezug zu Hamburg aus der lokalen Eisenbahngeschichte gut zeigen und heutige Museumsbesucher am meisten beeindrucken könnten. Auf der vom MEHEV vertriebenen DVD gibt es Szenen zu sehen, in denen ein Güterzug in Harburg mit dem Ablaufberg zerlegt, anschließend eine Zugfahrt zum Kai rechts gebildet und gefahren wird und schließlich eine Rangierfahrt Waggons am Schuppen 25 zustellt. Das sowie das Kopfmachen von Zügen im Hauptgüterbahnhof mit Umsetzen der Lok böte Szenen, die Besucher im heutigen Eisenbahnbetrieb mit seinen Ganz- und Wendezügen kaum noch zu sehen bekommen. Dies mit den passenden mündlichen Erläuterungen dazu auf der MEHEV-Anlage mitzuerleben, dürfte Besucher beeindrucken. Wenn parallel dazu ein bis zwei Dutzend Züge über die Pfeilerbahn und durch Harburg rollen, die für die Hamburgische Eisenbahngeschichte wichtig sind, könnte eine 30-minütige Vorführung sehr kurzweilig sein.

Die Gegenargumente sind schon zu erahnen: „Es hat sich noch niemand beschwert“, „Rangieren ist viel zu aufwendig“, „das geht mit der Anlage doch gar nicht“ oder „der Autor kann ja gerne mal mitmachen“. Das ist sicher alles richtig und soll hier auch nicht entkräftet werden. Dennoch sollte es für den MEHEV höhere Ziele für die Zukunft geben als den Wunsch nach weiteren für Hamburg typischer Fahrzeuge wie einer Metronom-Garnitur.

So sei an den MEHEV der Appell gerichtet, die Zukunft der verkehrshistorischen Anlage ebenso beherzt zu planen und zu gestalten, wie es die Vorgänger vor 70 Jahren getan haben. Die heutigen Sachzwänge durch die technischen Bedingungen der Anlage und die Unwägbarkeiten durch den Gestaltungswillen der Museums- und Stiftungsleitung erscheinen gering im Vergleich zur Situation in der Nachkriegszeit und sind kein Grund, nicht über Verbesserungen an der Ausstellung nachzudenken. Ein stures Begründen des Ist-Zustandes und das Negieren jeden Veränderungsbedarfs würde die Gefahr in sich bergen, dass Andere über die Zukunft der Anlage entscheiden ohne das beim MEHEV vorhandene Wissen zu nutzen. So stellt sich die Frage, ob nicht gerade der MEHEV selbst den Umzug in das dritte Obergeschoss (der sicher nichts anderes als ein weitgehender Neubau mit Übernahmer wertvoller Komponenten bedeuten dürfte) konstruktiv planen sollte und dabei das Augenmerk auf das Vermitteln der Eisenbahn- und Hafensituation in Hamburg vor der Containerisierung legen sollte. Möglicherweise erreicht er gerade dadurch sogar den Erhalt der bestehenden Anlage, falls die Alternativen nicht befriedigen können. Wohl alle Eisenbahnfreunde werden dem MEHEV dafür die Daumen drücken.

Die verkehrshistorische Modellbahn des MEHEV hat den Autor bei seinem Besuch derart gut gefallen und beeindruckt, dass er noch tagelang über das Erlebnis nachgedacht hat. Anderen Besuchern mag es genauso gehen. Und was könnte eine Ausstellungseinheit in der Dauerausstellung eines stadthistorischen Museums mehr und besser erreichen, als die Betrachter zum Nachdenken anzuregen? 

 

 

Für den Hamburger Hafen ab den 1950er Jahren typisch war die Dampflok-Baureihe 82, Eigenbaumodell MEHEV, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer

 

Für die Bauart des Schwerlastwagens stellt eine Kleinlok Köf II eine eher leichte Ladung dar, 14. 7. 2016, Foto: Wolfram Bäumer